Sonntag, 29. November 2015

FARBE BEKENNEN! Enderle & Moll - Weinrallye #92

© wiesengenuss

Heute bin ich doch noch auf den Zug aufgesprungen, nachdem ich - viel zu spät - das Thema der November Weinrallye #92 gelesen habe: Farbe bekennen! Da fiel mir dann doch noch was ein...

Veranstalter dieses Mal ist Christin Jordan vom Blog “Hauptsache Wein“.

Mein Tunnelblick nach den letzten, beruflich bedingten Stresswochen weitet sich.... Auf meinem Küchentisch stehen zwei Weine, die mir vor ein paar Wochen Sven Enderle vom Weingut Enderle & Moll in Südbaden mitgebracht hat. Sie leuchten! Sie strahlen mich an mit ihrer Farbigkeit. Draußen ist alles grau und naßkalt, kein Ausflugswetter, eher ein Wetter für den Schaukelstuhl. Musik hören, kochen, Wein trinken. Soll ich sie aufmachen oder soll ich doch noch warten? Soll ich es mal ausprobieren, die Weine monatelang stehen zu lassen, um dann zu sehen, wie sie reifen? Ach, Sch.... drauf, ich mach sie auf!!! Die Neugier ist einfach zu groß. Geöffnet lass ich sie dann noch eine Weile kühl stehen, bin gespannt, wie sie sich dann entwickeln.... so war der Gedanke.

Fotografie © Rachel Wirth
Sven & Flo sind ja bekannt für die Vielschichtigkeit ihrer Weine, vor allem eben im Burgunderbereich, bei den Weißen wie vor allem auch beim Pinot Noir. Der Ausbau im burgundischen Stil. Sprich: "Kontrolliertes Nichtstun", was heißt, nachdem die Weine im Faß sind - in burgundischen Eichenfässern natürlich, gebrauchten Barriques - haben die beiden nichts mehr zu tun. Eigentlich.... Keine Kellertechnik, um die sich gekümmert werden muss, keine Kühlung, kein Abstechen, keine Filtration, keine Schönung - sie bleiben einfach auf der Vollhefe liegen, für viele Monate, im Faß. Und gären dort durch. Wann sie soweit sind, ihre gemütliche Kinderstube verlassen können, das liegt in der Hand und Kunst des Winzers - und in der Erfahrung der beiden: Florian Moll und Sven Enderle. 


Fotografie © Rachel Wirth









Zurück zu den beiden Farbstrahlern auf dem Küchentisch. Der "Müller" strahlt mich in sonniger Farbe strohgelb an, er moussiert noch leicht - der Burgunder Weiß & Grau ist dunkler, er strahlt in Orange mit einem Hauch graubraun. Helle durchsichtige Zwiebelschalenfarbe würde ich es nennen. Farben wie hier auf dem Bild von Rachel Wirth, entstanden an einem sonnigen Novembertag im Jahr 2013. Ich vergleiche auch gerne mit der Farbe reifer Weißburgunder Beeren. Durch die verlängerte Maischestandzeit hatten sie längeren Kontakt mit der Beerenhaut, daher die Farbe. Auf Schwefelung wurde weitgehend verzichtet. Das brauchen die Weine von E&M auch nicht, denn sie produzieren bei der Gärung genug eigenen Schwefel (man spricht von 1 bis 30 mg/l der "natürlicherweise" entsteht). Und die Tannine aus der Beerenhaut geben dem Wein nochmal zusätzliche Stabilität. Und dann gibt das Holzfass nochmal Tannine ab. Und die Lagerung auf der Vollhefe schützt ebenfalls vor Oxidation. Tannine = pflanzliche Gerbstoffe, und die sind ja bekanntlich ein natürliches Pflanzenschutzmittel, das die Rebe selber produziert und für Haltbarkeit und Schutz vor Mikroorganismen sorgt.

Foto: Ute Mangold
Fotografie © Rachel Wirth
Von "Kennern" wird ja immer behauptet, dass Wein ohne Schwefelzugabe, oxidieren würde, dann erzählen sie die Horrorgeschichten von Sauerkrautweinen, Mercaptanen, Essig und zitieren als Untermalung wissenschaftliche Studien. Nun ja als Biologin weiß ich, dass es zu jeder Studie auch eine Gegenstudie gibt - und vor mir steht sie, die leibhaftige Gegenstudie ;-) Sven interessieren die wissenschaftlichen Halbwahrheiten glücklicherweise nicht, auch mir mit meiner Tanninstabilitätstheorie hört er nur mit halben Ohr zu - er weiß ja wie seine Weine gemacht werden und wie gesund ihre Pflanzen sind! Und die liefern dann auch hervorragendes gesundes Beerengut. Vielleicht ein paar homöopathische Mittelchen zur Stärkung ab und an, konventionell gespritzt wird nicht. Der Boden bleibt weitgehend so wie er ist. Der Bewuchs oben drauf auch. Sie hatten das große Glück vor einigen Jahren einen Weinberg in Münchweier zu finden, der über Jahre, vielleicht Jahrzehnte in Ruhe gelassen wurde, sprich: er war verwildert. Darauf wuchs ein Spätburgunder. Der Klon? Unbekannt. Ein alter Weinberg, ne traditionelle Sorte, vielleicht aus Frankreich rüber gekommen? Der Rhein, die Grenze zum Elsass ist ja in Sichtweite. Frankreich  nur ein Katzensprung weit entfernt.

Foto: Ute Mangold
"Aufgrund der Entscheidung, unsere Rotweine im Laufe der Vinifizierung weder zu schönen, noch zu filtrieren, noch zu pumpen und sie auch während der gesamten 12-15 monatigen Lagerung in gebrauchten Barriques nicht abzuziehen oder umzulagern, wollen wir einen möglichst unmittelbaren Ausdruck der jeweiligen Rebflächen und Lagen incl. ihrer unterschiedlichen klimatischen Bedingungen erreichen..."

Da fällt mir ein, sie verwenden ja doch Filter ;-)
Doch nur für das Getier, das oben auf der Maische schwimmt...


Und nein, es sind keine "Orange Weine", sie lagen nur länger auf der Maische, sie sind aber nicht Maischevergoren. (Siehe auch mein Beitrag zum damaligen Symposium im Rheingau: Orange Wine - Maischevergorene Weißweine).





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MÜLLER 2014

Ich öffne die Flasche, leicht zu öffnen durch den Drehverschluss. Ein leichtes Plopp, er moussiert noch, ein paar kleine Hefereste am Flaschenboden. Er lässt sich leicht trinken, trotz seiner Vielschichtigkeit. Aromen von Quitte, Stachelbeere, ganz deutlich Bratbirne, aber ohne Butter (um mit Gampe zu sprechen), ein wenig Kräuter. Also, der Müller überlebt keine paar Tage im Kühlschrank, dazu ist er zu lecker. 

Das Etikett. Die mit dem Weingut befreundete Künstlerin Kim Howard hatte die richtige Intuition und genau die Farben auf das Etikett gebracht, die die Aromen des Müllers wiederspiegeln: Gelb steht für das reife Quittenaroma, Hellgrün für Stachelbeere und das Olivgrün für eine gewisse Kräutrigkeit: Stevia, Süßkraut, passt. Der Müller ist nicht ganz durchgegoren und hat noch etwas Restsüsse. Was ihm gut steht, denn durch die Reste von Gärkohlensäure besitzt er eine lustige Spritzigkeit.


WEIß & GRAU 2014 

Ich habs natürlich verpasst, Sven genauer über die Weine auszufragen, die er mir mitgebracht hat. Wir hatten auch anderes zu besprechen, private Dinge, wollten essen gehen und uns so mal austauschen einfach. Heute weilt er auf der #RAW Messe in Berlin und hat was besseres zu tun, als mir jetzt noch kurzfristig ein paar Fragen zu beantworten. Also klaub ich mir jetzt die Infos, die ich noch brauche, stückweise zusammen und trinke...
"Auch dieser Grauburgunder wurde von uns -genauso wie unsere Pinots und der Rose- mit Hilfe unserer Spindelpresse verarbeitet und anschließend in gebrauchte Barrique-Fässer gelegt. Dies und der geringe Ertrag prägen diesen Wein und geben ihm seinen eher milden, cremigen und mineralischen Charakter! In der Nase herrschen eher Aromen vor, die an Feuerstein und Zitrusfrüchte erinnern, die dann am Gaumen durch Quitten, Renekloden und nussige Aromen ergänzt werden..."
Und wie schmeckt er, mein Eindruck...? Erster Gedanke: "Mist! Es war doch Jungfrauenmord" :-( Natürlich viel zu früh aufgemacht. Auch er moussiert noch, die Hefe hat sich noch nicht ganz abgesetzt. Ich habe den Burgunder bei der Arbeit gestört!! Er ist empört und zeigt sich erstmal von der unfreundlichen Seite. Ich lasse ihn wirken.....im Mund entwickeln sich erste Aromen, keine fröhliche Primärfruchtigkeit, eher verhalten, streng, fordernd, ein wenig bitter. Quitte, Renekloden, das Weiße in den Zitrussschalen.... eine feine Länge entwickelt sich...Okay, ich lasse ihn ruhen und probiere morgen weiter.


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Die beiden Winzer bekennen Farbe, ja! #weingegenrassismus

© Weingut Enderle-Moll


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Die Weinrallye ist ein derzeit monatlich stattfindendes Blogevent. Jeweils ein anderes Blog bestimmt ein Thema und ruft die Blogosphäre dazu auf, zu diesem Thema einen Artikel zu verfassen. Sinn und Zweck einer Weinrallye ist einzig und alleine der Spass und die Motivation schöne Themen aufzuarbeiten.

Kommentare:

  1. Schön gesagt, auch nachvollziehbar: Die Weine "strahlen mich an mit ihrer Farbigkeit". Und Du hast mir zwei Weine näher gebracht, die ich kennenlernen möchte, vielleicht weil sie anders sind, vielleicht weil sie - schon rein optisch - das Etikett gefällt mir ausserordetlich - das Gewohnte durchbrechen. Täglich stehen Weine vor mir, doch wann strahlen sie mich an? Als Geschichtenerzähler - meist Weingeschichten - höre ich gerne zu, wenn andere Geschichten erzählen. Und Deine Geschichte ist gut, sehr gut sogar. Sie strahlt mich an. Danke. Peter.

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  2. Dankeschön! Das freut mich sehr, wenn das Strahlen der Weine und die Geschichte, dich dazu verleitet, sie auch mal zu probieren. Ja, sie sind anders! Das mit dem Etikett leite ich gerne weiter.

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