Mittwoch, 11. Dezember 2013

ORANGE WINES - Maische vergorene Weißweine

Grauburgunder, Enderle & Moll, Baden. Foto: © Rachel Wirth

Am Montag war ich zu Gast auf dem Orange Wines Symposium in der Ankermühle im Rheingau. Das Thema wurde im Vorfeld schon kontrovers bis hitzig diskutiert, von Journalisten in den Printmedien wie der VINUM, in Internetforen, unter Weinliebhabern, Händlern, Fachleuten und vor allem auch unter den Weinbloggern.
Kontroverse Themen interessieren mich immer, vor allem auch deshalb, weil sie mich dazu anspornen, mir ein eigenes Bild machen zu wollen.
Was ich gelernt habe ist schlicht, dass Orange Wein auf der Maische vergorener Weißwein ist. Und dies kann von ein paar Tagen bis zu Monaten dauern. That's it.
Es handelt sich also NICHT um einen esoterischen Zaubertrank, der in georgischen Amphoren im Boden versenkt, mit cosmooroganischen Runen verziert, ungeschwefelt und mit Schimmel auf wildesten Wildhefen vergoren wurde und dann nach Gemüse oder Sauerkraut stinkt. Kein ungeschwefelter Naturwein oder das, was man in Deutschland leider unter "Natural Wine" versteht und kein von Ökomissionaren hochgehaltener Religionswein. Nein, Orange Wein ist ein ganz "normaler" Wein - mit dem einzigen Unterschied, dass er MIT den Beerenhäuten vergoren wurde. Spontan.
Anschließend Schwefelung, Filtration, Ausbau in Stahltanks oder Holzfässern. Einziger Unterschied zum Weißwein, der normalerweise eben ohne Beerenhäute in die Gärung geht: Es handelt sich um absolut sauberes, handverlesenes Beerengut. Sprich, der Wein wurde unter großem Arbeitseinsatz im Weinberg gelesen und JEDE EINZELNE Traube, die nicht gesund aussah, von Bortrytis und Schimmel befallen war oder nach Essig roch, wurde aussortiert. Die Maische wird bei der Gärung immer wieder von Hand vorsichtig heruntergedrückt, gestempelt, ähnlich wie bei großen Burgundern (Pinot Noirs). Also ein sehr  aufwändiges Verfahren! Und dies erklärt auch die höheren Preise für die orangenen Weine. Apropos Orange - die Farbe dieser Weine kann von Goldgelb über Orange bis Haselnussbraun variieren. Je nachdem, wie lange der Wein auf der Maische lag.



Treffender als Dirk Würtz kann man es nicht formulieren: "“Orange Wine” ist nichts anderes, als maischevergorener Weißwein. Die Trauben werden entrappt – also vom Stielgerüst getrennt – und das Ganze wird mazeriert und so vergoren, wie man es eben nur von Rotweinen kennt – auf der Maische. Das hat zum Ergebnis, dass die Weißweine eine wesentlich intensivere, orange anmutende Farbe haben. Ein weiterer Effekt ist die Tatsache, dass die Weine eine ganz andere Struktur, eher dem Rotwein ähnelnd, bekommen. Die Weißweine haben Gerbstoffe, sind phenolischer und manchmal in der Jugend auch etwas bitterer. Fertig! Mehr ist das nicht! Das worüber sich so viele, teilweise auch völlig zurecht, aufregen, sind keine “Orange Wines”, das sind “Naturweine”. Die werden in der Regel auch maischevergoren. Das war es dann aber auch schon an Gemeinsamkeiten. Das Thema “Naturweine” ist viel komplexer. Da dreht sich ganz viel um den Schwefel, der nur wenig, am liebsten gar nicht, vorhanden sein soll. Da geht es um Amphoren und natürlich auch immer um “öko” und manchmal auch um Esoterik. Ganz andere Baustelle. Das hat alles nichts mit “Orange Wines” zu tun."(Der gesamte Beitrag von Dirk Würtz ist hier zu lesen: Orange Wines - einfach mal die Kirche im Dorf lassen)


STEINZEUG - STAGARD 2012

Einen ganz besonderen Wein von Urban T. Stagård möchte ich hier als Beispiel beschreiben:

Der Grüne Veltliner 2012 "Steinzeug 100%" von Dominique A. & Urban T. Stagård (Lesehof Stargard, Krems-Stein, Österreich). Er lag von der Lese im Oktober bis zum Juni auf der Maische. Im 750 l Steinzeug. Also neun Monate! Abgefüllt wurde ohne Filtration und mit minimalstem Schwefeleinsatz von 40mg. Ein krasses Zeugs. Geniaaal. So was habe ich noch nie getrunken. Furztrocken (4g Säure und unter 1g Restzucker), da orangene Weine immer durchgären. Mit Nussaromen, dunkle rauchige Töne, Stein, straight, geradlinig....mir lief ein Schauer über den ganzen Körper. Dieses Gefühl habe ich nur bei wirklich großen Weinen und das kommt selten vor. "The Dark Side of a Veltliner". Ohne jeden Fehlton.

Weitere für mich bemerkenswerte Weine in der Verkostung waren die querköpferten Silvaner und Rieslinge von Kai Schätzel, Rheinhessen: Silvaner QUERKOPF und Riesling HIPPING. Den BLANC de BLANC von Dirk Würtz, Balthasar Ress, Rheingau: Weißburgunder Blanc de Blanc 2011 und 2012. Die Weine von  Roxanich, Istrien (Kroatien): Cuvée INES in WHITE 2008 und der ANTICA Malvasia 2008 und von Clai den OTTOCENTO Cuvée sowie der autochthone RIBOLLA CIALLA 2008 von La Castellada, Collio, Italien. Der engelhafte und nach Orangenzesten schmeckende CHARDONNAY 2012 von Albrecht Engel, Rheinhessen. Ein echter Orangenwein! Sowie die Weine des Gastgebers  Ankermühle, Rheingau: Riesling JESUS und JESAJA 2011 - und bemerkenswert auch der TRAMINER SAVAGNIN vom Jungtalent Nico Espenscheid, Espenhof, Rheinhessen.




Und das war nur der Anfang, oder besser gesagt, das waren die Weine, die ich probiert habe. Mehr habe ich nicht geschafft, so ausdrucksstark waren diese Weine. Jeder für sich ein Individuum. Jeder brauchte Einzelbehandlung und Zeit. Die Aromen der Weine sind schwer zu beschreiben, es gab Töne von Orangenzesten bis zu frischem Holz, Vanille, Rauch, Stein, Gletschereis Bonbon, Mokka und grüne Paprika - oder wie Nico Medenbach im Drunken Monday Blog schreibt, sie waren schlicht: "Abgefahren, eigenwillig, faszinierend und einfach nur krass".

DAS ist das Besondere an Orange Weinen, oder maischevergorenen Weißweinen. Sie haben Aromen, die man vorher noch nie geschmeckt hat!! Und das macht sie zum Beispiel auch als Essensbegleiter interessant: Zur Gans, geräuchertem Schinken und Linsengemüse. Da sie so trocken sind, ergänzen sie vor allem fetthaltige Speisen.

Und zum Abschluß noch eine Verkostungsnotiz der bekannten Sommelière und Buchautorin Christina Fischer:

ORANGE WINES SYMPOSIUM 2013 ...letztendlich müssen sich auch diese Weine den ganz normalen Bewertungskriterien stellen. Letztlich sind es maischevergorene Weißweine - in unterschiedlichen Ausprägungen. Erinnert mich ein wenig an die Barrique-Anfänge in Deutschland Ende der 1980er Jahre... Das wurde auch sehr kontrovers diskutiert. Heute fand ich Einleitung und Erklärung gut, mochte 2011 Malvasija von Clai, "die dunkle Seite des Veltliners" 2011 D.U. von Stagård, 2004 Oslavje von Radikon, Weißburgunder 2011 von Ress, 2012 Savagnin (Traminer) von Nico Espenschied, 2008 Ribolla Gialla von La Castellada, 2010 Sauvignon Blanc von Ploder, 2008 Riesling/Chardonnay von Sumenjak, Ribolla Gialla 2007 von Stekar und den querköpfigen 2011/2012 Silvaner von Kai Schätzel. Gewünscht hätte ich mir mehr öffentliche Diskussion und Erfahrungsaustausch. Zwecks Entmystifizierung, denn das Thema ist hochinteressant aber keinesfalls heilig.



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