Dienstag, 26. November 2013

CAPTAIN CORK - das ultimativ andere Weinbuch? Oder der erste Eindruck zählt



Das ultimativ andere Weinbuch? Na, ich habe schon viele Weinbücher gelesen. Sehr viele. Aus einem Hobby wurde ein Beruf und dann wieder eine Berufung. Oder umgekehrt? Egal, ich komme einfach nicht weg davon. Von der Faszination WEIN.
Angefangen hat alles Anfang der Neunziger mit Hugh Johnson und Jancis Robinson. Später ging die Reise weiter über die Weinbücher aus dem damals noch eigenständigen Stuttgarter Hallwag Verlag (alle!), dann kam Stuart Pigott's WILDER WEIN, Reinhard Löwensteins TERROIR, Cornelius und Fabian Lange WEIN DIREKT....und dann hatte ich irgendwann mal keine Lust mehr - zu lesen. Nachschlagewerke waren ja genug da. [...]


"Ultimativ anders" klingt vielversprechend, aber auch irgendwie anbiedernd. Wären da die Autoren nicht, das hochwertige Cover, die hervorragenden Bilder und Winzerportraits des langjährigen Fotografen, Weinjournalisten und Autors Manfred Klimek (WELT am Sonntag). Rainer Balcerowiak, der Quereinsteiger in Sachen Weinjournalismus (Genuss ist Notwehr) und langjähriger Politredakteur einer linken Tageszeitung ist der Zweite Mann an Bord, oder der Erste? Egal, es ist ein Gemeinschaftswerk. Demokratisch. Mitautoren sind Charles Bugnowski, Robin Dutta, Felix Eschenhauer, Thomas Golenia und Florian Severin Küblbeck. Beiträge zu technischen Details kamen von Dirk Würtz. Manche kenne ich persönlich, mit anderen hab ich schon mal ein Glas Wein getrunken oder mich in irgendeinem Forum über Restzucker im Wein gestritten oder auch nicht. Oder ihre Blogs gelesen. Mit Interesse. Auf jeden Fall gute Männer an Bord!

Erste Berichte, Urteile und Kritiken waren schon im Netz zu lesen. In facebook, in der Weingruppe. Da wurde gejubelt und auch aufs übelste schon gestritten. Wie können die Kollegen nur so schnell lesen? Mir war das viel zu vorschnell. Ich brauche Zeit, um mir ein Urteil zu bilden. Und ich lasse mich auch nicht im Vorfeld schon beeinflussen. Zu viele Lobeshymnen - innerer Protest bildet sich bei mir. Böse Kritik von reichen Weinsammlern, oder womöglich auch noch von der Kritiker-Konkurrenz? Na bittschön, die Herren! Wir werden uns als Fußvolk schon unsere eigene Meinung bilden können, auch wenn wir nur belächelte Weinlaien sind für die Herren Alles-Schon-Getrunken-Haber. Fegefeuer der Eitelkeiten. Beeindruckt mich nicht. Ich hab schon Wein getrunken, da haben manche von denen noch ihr Milchfläschchen geschüttelt. Okeee, na guud. Immer dieser Streit um eine so schöne Sache wie Wein. Kommt jetzt wieder so ein Belehrungswerk ums Eck? Oder gar Captains Provo?

Die ersten Seiten lese ich quer. "Don't judge a book by it's cover...", aber bei einem Buch sind die ersten Seiten entscheidend. Lesen oder weglegen. Wie beim Wein, schmeckt oder schmeckt nicht. Das erste Kapitel, das ist aufschlage ist natürlich "Der Wein im Kopf". Die Biologin in mir interessiert sich mal wieder für die Sinnesphysiologie und die Subjektivität der Wahrnehmung - mal sehen, was die Jungs dazu sagen. Ich lese im ersten Absatz "Über die Wahrnehmung von Wein, darüber wie Wein im Kopf ankommt, wird viel Unsinn verbreitet. Der wesentlichste Fehler ist die Angst, einem gewissen Sprachdiktat zu widersprechen, dem die sinnliche Wahrnehmung von Wein unterworfen scheint. Diese Angst sollte man gleich ablegen und frei assoziieren. [....]. Und Fettnäpfchen gibt es keine, denn niemand ist lächerlicher als jene, die einen Weinwortschatz vorgeben wollen." Jungs, jetzt habt ihr mich! Ich zappel an der Angel.


Ab da fließt es. Lesen. Im Café, nein, einer Weinbar in Landau, Pfalz. Nachmittags. Die Bude ist voll, doch ich höre das Gebabbel der anderen nicht mehr. Bestelle mir ein Glas Weißburgunder aus der Gegend und lese in fetter Schrift "die hiesige Solo-Saufkultur ist unerträglich. Lasst Essen und Wein zusammenwirken!". Ha, ha. Ich muss lachen - und bestelle mir gleich noch einen Flammkuchen zum Weißburgunder.

In der Tat, das Buch ist anders - und det jefällt mir. Informativ, sachlich (ja ja) mit einem Kick Würze. Ohne zu polarisieren. Eher aufmunternd. Und an alle, die glauben, schon alles zu wissen, der Appell: Man lernt nie aus! Wer wirklich was vom Wein versteht, der liest auch dieses Buch, denn es gibt sich nicht den Anschein der Objektivität, sondern ist herrlich subjektiv. Ich genieße. Vor allem die Kunst der Autoren, dieses komplexe Thema als Fachwissende in eine verständliche Sprache herunter gebrochen zu haben. In kurzen Sätzen. Klar und immer wieder mit einem Schuß Humor.

Die Kritik überlasse ich jetzt anderen. Ich werde weiter lesen...mit einem Glas Wein.

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Mein Dank geht an den Gräfe-Unzer Verlag für die schnelle Zusendung des Rezensionsexemplars. Erhältlich ist dieses Buch ab sofort in allen gut geführten Buchhandlungen oder bei amazon.

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